Seit 400 Jahren erfüllen die Bewohner des Tiroler Örtchens Erl mit Hingabe ein Gelübde ihrer Vorfahren – die Passion, die Geschichte vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi alle 6 Jahre zu spielen. Ein Außenstehender vermag kaum sich vorzustellen, was das für den Alltag und das Leben der Dorfbewohner bedeutet. Es ist nicht einfach nur ein Stück, das hier gespielt wird. Die Passion verändert das Dorf, die Region und die Menschen.
Ein Bericht von Michael Schwinge aus Erl, sechs Tage vor der Premiere. Unsere Reisen zu den Passionsspielen in Erl 2013 finden Sie hier.
Bildgewaltig: die Inszenierung in Erl 2013
Die Dame aus Deutschland weiß offensichtlich nicht, welchen Ort sie sich im Rahmen Ihres Pfingsturlaubs für Ihren Kirchgang ausgesucht hat. „Der Friseur im Dorf ist wohl erkrankt...“ raunt sie Ihrem Mann kurz vor Beginn der Hl. Messe zu. Und ganz abwegig ist der Eindruck nicht, denn es ist schon auffällig, welche beeindruckende Haarpracht an diesem Pfingstmontag zur Schau getragen wird. Jungen und Männer jeden Alters ziert eine prächtige Mähne und auch das Rasiermesser scheint in den letzten Wochen selten zum Einsatz gekommen zu sein.
Die Männer tragen ihre ungewohnte Haarpracht aber mit Stolz. Denn es ist Passionsspielzeit in Erl, dem kleinen Dorf in Tirol, unweit der deutschen Grenze und der Inntal-Autobahn, zwischen Kufstein und Rosenheim gelegen. Und dazu noch eine Jubiläums-Spielzeit, denn seit dem Jahre 1613 erfüllen die Erler das Gelübde ihrer Vorfahren, die Passion Christi aufzuführen, wenn man denn von der Pest verschont bleibe.
Von den insgesamt 1.400 Einwohnern des Ortes stehen in den nächsten Wochen und Monaten 600 auf der Bühne, als Musiker und Sänger, als Statisten und Schauspieler. Immer am Wochenende, von Mai bis Oktober. 33 Mal wird das Passionsspiel aufgeführt, 50.000 Besucher werden erwartet, 46.000 Karten sind bereits verkauft. Das sind die Zahlen zur Aufführung.
Doch kaum ein Besucher der beeindruckenden Inszenierung ahnt, welche Konsequenzen die Teilnahme der Erler an „ihrem Passionsspiel“ hat. Für jeden Einzelnen. Für die Familien. Für die Arbeitgeber. Die Urlaubsplanung. Das Studium. Die Freizeit. Mehr als 100 Proben hat die Erler Passions-Gemeinde hinter sich gebracht, wenn am 26. Mai die Premiere stattfindet. Seit November 2012, sieben Monaten lang, drehte sich das Dorfleben, der Alltag nur um das eine Ziel: die Passion vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi so beeindruckend wie möglich auf die Bühne zu bringen.
Zum Jubiläum wurde vollkommen neu inszeniert, ein neuer Text von einem der wichtigsten zeitgenössischen Dramaturgen Österreichs, Felix Mitterer erstellt. Es wurde einstudiert, gesägt und musiziert, geprobt, verworfen, gemalt, geschneidert und gelernt. Und in den Wintermonaten spürte jeder Mitspieler deutlich, was es bedeutet, dass das Passionspielhaus zwar ein geschlossenes, aber ungeheiztes Gebäude ist...
Das alles kann in dieser Größenordnung nicht am Sozial- und Alltagsleben eines Dorfes und seiner Einwohner vorbeigehen. „Die Erler spielen die Passion nicht. Sie leben die Passion.“ Wolfgang Kneringer, im Dorf bekannt als der Postwirt, spielt bereits zum sechsten Mal bei der Passion mit. „Das Jesus- und Johannes-Alter habe ich hinter mir...“ lacht er unter seiner grauen Mähne. „Diesmal darf ich noch den Petrus spielen. Aber wenn es für mich noch ein nächstes mal gibt, dann wird es wohl der Hohe Rat sein!“
Spricht’s und eilt direkt nach der Hl. Messe davon, um seinen Gästen im Hotel neben der Dorfkirche ein kleines Mittagessen zu servieren, denn bereits um 13.00 Uhr beginnt eine der letzten Hauptproben im nahen Passionsspielhaus, für die sich heute Pressevertreter von nah und fern eingefunden haben. „Nein, wir sind nicht Oberammergau. Wir sind nicht so kommerziell ausgerichtet. Wir wollen auch nicht die Preise von Oberammergau verlangen. Aber über jeden Besucher freuen wir uns trotzdem. Denn nur über die Einnahmen durch das Eintrittsgeld sind wir überhaupt in der Lage den enormen Aufwand der Passionsspiele zu tragen.“
Als um 13.00 h am Pfingstmontag im beeindruckenden Passionsspielhaus, 1958 nur zu diesem Zweck errichtet, die Hauptprobe beginnt, verschlägt es den 50 Zuschauern von Funk, Fernsehen und Presse die Sprache. Eine großartige Lichtregie, die in Europa mit nichts zu vergleichende Akustik, der volle Klang der Orgel, die Kostüme und das mitreißende Spiel der Erler fügen sich zu einem Gesamteindruck, der normale Theaterdimensionen sprengt. Und genau das ist der Moment, in dem der Besucher versteht, dass Erl nicht Theater spielt, dass kein Event-Musical über die Bühne geht und dass hier nicht ein regionales Folklore-Ereignis stattfindet. In diesem Moment begreift der Zuschauer, dass hier Glaube gelebt und transportiert wird.
„Wer in Anderen Feuer entfachen möchte, muss selber brennen.“ schreibt der Hl. Kirchenvater Augustinus. Wer ein solches Feuer erleben möchte, der sollte in den nächsten Monaten nach Erl kommen. Die Flamme „Passionsspiele 2013“ erlischt erst am 5. Oktober 2013 mit der letzten Vorstellung.